Jeverland/Schortens – Sie fangen Menschen in ihren schwierigsten Momenten auf, schützen Einsatzkräfte und leisten einen entscheidenden Beitrag zur menschlichen Seite der Notfallhilfe, also Erste Hilfe für die Seele: Die Rede ist von den Kriseninterventionshelfern und Notfallseelsorgern, die die Psychosoziale Notfallversorgung (PSNV) im Deutschen-Roten-Kreuz (DRK) bilden. Die Kriseninterventionshelfer werden vom DRK geschult, die Pastoren werden über ihre Landeskirchen zu Notfallseelsorgern ausgebildet.
Aktuell gibt es rund 16 ausgebildete Helferinnen und Helfer in der PSNV-Staffel, die vornehmlich den nördlichen Landkreis Friesland betreuen; hinzu kommen vier Pastoren. „Momentan werden wir auch zu Einsätzen im Südkreis gerufen, dort wird gerade eine neue Gruppe aufgebaut“, sagt Dieter Becker, Leiter der PSNV-Staffel, die in der DRK-Bereitschaft Schortens stationiert ist.
Im Vorjahr wurden die Kriseninterventionshelfer beziehungsweise Notfallseelsorger 67-Mal alarmiert, 2024 waren es 32 Einsätze. Wie läuft ein solcher Fall ab? Dieter Becker erinnert sich noch einen fünfstündigen Einsatz: Ein Urlauber aus Nordrhein-Westfalen hatte Herz-/Kreislaufprobleme. „Bei unserem Eintreffen verabschiedete sich der Rettungsdienst. Wir haben uns um den Patienten, die Ehefrau und ihre Schwester sowie den Lebensgefährten der Schwester gekümmert“, erinnert er sich. „Auslöser der akuten Herzprobleme sei wohl die Information, dass das Wohnhaus in NRW brennen würde und die pflegebedürftigen Eltern im Haus zu Schaden gekommen seien“, so Dieter Becker. „Während unserer Betreuung bekam eine der Frauen die Nachricht, dass die Mutter beim Brand ums Leben gekommen sei. Wir nahmen Kontakt mit der Leitstelle auf und baten, den Sachverhalt über die Polizei zu klären. Es stellte sich heraus, dass der Vater mit Brandverletzungen in ein Krankenhaus eingeliefert wurde und die Mutter im Krankenhaus ihren Verletzungen erlegen ist.
Die Polizei überbrachte Todesnachricht, was heftige Reaktionen insbesondere der Frauen zur Folge hatte. „Langsam beruhigte sich die Situation, so dass wir die anwesenden Angehörigen beraten und ihnen Hilfestellungen geben konnten, Es stellte sich heraus, dass das Ehepaar mit den Eltern in dem abgebrannten Haus gewohnt hatte und jetzt alles vernichtet ist, außer den Sachen´, die sie mit in den Urlaub genommen hatten. Eine der Schwestern drängte dann auf einen sofortigen Aufbruch, wovon wir aber mitten in der Nacht abgeraten haben“, so der erfahrene Kriseninterventionshelfer. Die Männer hätten sich dann auch zur Ruhe begeben, um am nächsten Morgen die Heimreise antreten zu können. Die Frauen waren aber noch zu aufgewühlt. Wir haben dann vorgeschlagen eine Runde um den Deich zu laufen, um zur Ruhe zu kommen – was auch passierte. „Nach der Rückkehr in der Ferienwohnung hatte sich die Situation soweit stabilisiert, dass wir den Einsatz mit gutem Gefühl beenden konnten“, so Dieter Becker.
Die Psychosoziale Notfallversorgung spielt eine zentrale Rolle im Bevölkerungsschutz – auch im Bereich des DRK-Kreisverbandes Jeverland. Immer dann, wenn Menschen plötzlich mit schweren Unglücken, Todesfällen oder Katastrophen konfrontiert werden, reicht medizinische Hilfe allein nicht aus. Genau hier setzt die PSNV an.
Im DRK Jeverland kümmern sich speziell geschulte, ehrenamtliche Helferinnen und Helfer darum, Betroffene in akuten Krisensituationen emotional zu stabilisieren. Diese Einsatzkräfte treffen sich an jedem vierten Dienstag im Monat in der DRK-Bereitschaft Schortens.
Alle Kriseninterventionshelfer bzw. Notfallseelsorger leisten „Erste Hilfe für die Seele“, indem sie zuhören, Orientierung geben und helfen, die ersten Stunden nach einem traumatischen Ereignis zu bewältigen. Diese Unterstützung ist besonders wichtig, weil sie langfristige psychische Folgen wie Angststörungen oder Traumata abmildern kann.
Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Betreuung von Einsatzkräften. Feuerwehr, Rettungsdienst oder Polizei erleben häufig belastende Situationen. Die PSNV hilft ihnen, diese Erlebnisse zu verarbeiten und ihre Einsatzfähigkeit langfristig zu erhalten. Damit trägt sie nicht nur zum Schutz der Helfenden selbst bei, sondern sichert auch die Qualität zukünftiger Einsätze.
Entstanden ist die Psychosoziale Notfallversorgung unter dem Eindruck von großen Schadensfällen, etwa dem Eisenbahnunglück in Eschede 1998. Dabei wurde deutlich, wie wichtig psychologische Betreuung für Überlebende, Angehörige und Einsatzkräfte ist. Danach wurde die Notfallversorgung stärker ausgebaut und professionalisiert. Der DRK-Kreisverband Jeverland ist seit 2015 im Bereich der Psychosozialen Notfallversorgung aktiv, im Jahr 2020 wurde die PSNV-Staffel beim Landkreis angemeldet.
Die Ausbildung ist anspruchsvoll und stark praxisorientiert. Sie bereitet Helfer gezielt darauf vor, Menschen in akuten Krisensituationen zu begleiten. Wer sich zum Kriseninterventionshelfer schulen lassen möchte, sollte zwischen 23 und 65 Jahre alt sein; benötigt wird zunächst ein Grundlehrgang. Daran schließen sich 112 Unterrichtsstunden Ausbildung an – an sieben Wochenenden zentral für den DRK-Landesverband Oldenburg in Cloppenburg. Die meisten Helfer haben bereits Erfahrung im Ehrenamt gesammelt, etwa im Rettungsdienst oder Katastrophenschutz. Wichtig sind vor allem persönliche Eigenschaften wie Empathie, Belastbarkeit, Verschwiegenheit und Teamfähigkeit. Insgesamt ist die Ausbildung keine „klassische“ Schulung, sondern ein intensiver Lern- und Entwicklungsprozess – fachlich wie persönlich. Sie stellt sicher, dass Helfer in den schwierigsten Momenten ruhig, professionell und menschlich zugleich handeln können.
Wer sich für die Arbeit der PSNV-Staffel interessiert, kann sich bei Dieter Becker unter Tel. 0173-3123029 informieren.
Das Bild zeigt einen Grundlehrgang Psychosoziale Notfallversorgung für Einsatzkräfte der drei Bereitschaften des DRK-Kreisverbandes Jeverland, Jever, Schortens und Sande. Rechts im Bild Dieter Becker, Leiter der PSNV-Staffel im Jeverland. Foto: DRK/Maik MichalskiFormularbeginn

